Teamkollegin Tatjana Pinto ist bei den Titelkämpfen eine Finalkandidatin
Portland/Paderborn. Eigentlich müsste Chantal Butzek derzeit am Paderborner Gymnasium St. Michael ihre letzte Schulwoche absolvieren. Doch die angehende Abiturientin ist mehr als 8.000 Kilometer fernab der Heimat. Die Sprinterin vom LC Paderborn machte sich am vergangenen Samstag nämlich auf den weiten Weg nach Portland. Die 600.000-Einwohner-Stadt im US-Bundesstadt Oregon ist Schauplatz der Leichtathletik-Hallenweltmeisterschaften. Und die unlängst 19 Jahre jung gewordene Butzek wird mit ihrer Teamkollegin Tatjana Pinto in der Nacht zum Sonntag über 60 Meter starten.
Begleitet werden die beiden LC-Sprinterinnen von ihrem Trainer Thomas Prange, der mit seinen Schützlingen in dieser Woche in Portland fleißig trainiert hat. Für Chantal Butzek dreht sich jedoch nicht alles um die Leichtathletik. Vielmehr ist Pauken angesagt. „Ich habe fünf dicke Bücher eingepackt“, berichtet die 19-Jährige, die zunächst auch überlegen musste, ob sie überhaupt bei der WM starten soll. „Ich war zwiegespalten. Aber meine Lehrer haben mir gut zugeredet. So konnte ich beruhigt und ohne schlechtes Gewissen nach Portland fahren“, sagt Butzek, die aber erst einen Tag nach Pinto und Prange die Reise antrat. „Es war mir wichtig, noch einmal eine komplette Schulwoche mitzunehmen“, erklärt die Gymnasiastin, für die am 8. April die finale Klausurphase beginnt.
Doch nicht nur für Chantal Butzek kam die Option Hallen-WM überraschend. Auch Tatjana Pinto hatte Portland anfangs nicht auf der Rechnung. „Bei Tatjana war es lange in der Schwebe, ob sie überhaupt eine Hallensaison absolviert“, erläutert LC-Coach Thomas Prange. Doch nach exzellenten Trainingszeiten beendete Pinto dann doch eine achtmonatige Wettkampfpause, um bei den Deutschen Hallenmeisterschaften für einen Paukenschlag zu sorgen. In 7,07 Sekunden avancierte sie zur viertschnellsten deutschen 60-Meter-Sprinterin aller Zeiten. Auch in der Saison-Weltbestenliste ist Pinto an Position vier notiert.
Daher wird die 23-Jährige sogar als Medaillenkandidatin gehandelt. Doch ihr Trainer plädiert dafür, den Ball flach zu halten. „Tatjana soll einfach eine gute Leistung bringen und Spaß haben“, so Prange. Die Konkurrenz ist letztlich auch enorm stark, wenngleich einige prominente Namen wie die Topsprinterinnen aus Jamaika um Titelverteidigerin Shelly-Ann Fraser-Pryce fehlen. Unterm Strich haben dennoch elf Sprinterinnen gemeldet, die in dieser Saison bereits unter 7,15 Sekunden gelaufen sind. Angeführt wird die Meldeliste dabei von 200-Meter-Weltmeisterin Dafne Schippers (Niederlande) sowie der US-Amerikanerin Barbara Pierre, die beide eine Zeit von exakt sieben Sekunden vorweisen. Zudem wird Marie-Josée Talou (Elfenbeinküste) vor Pinto notiert. Das Finale aber dürfte drin sein. „Und wenn du einen guten Start erwischt, ist über 60 Meter vieles möglich“, sagt Thomas Prange.
Chantal Butzek zählt bei ihrer WM-Premiere im „Oregon Convention Center“ zu den Außenseiterinnen. Mit ihrer Bestzeit von 7,27 Sekunden ist sie die Nummer 27 der Meldeliste, auf der insgesamt 46 Sprinterinnen stehen. „Ich will das Bestmögliche aus mir herausholen. Und das Halbfinale ist schon mein Ziel“, sagt Butzek. „Das wird eine schwere Nummer“, urteilt ihr Trainer. Ehe seine Athletin am Samstag gegen 20.40 Uhr deutscher Zeit erstmals in die Startblöcke geht, wird Butzek aber noch das ein oder andere Mal zu den Schulbüchern greifen. „Wahrscheinlich werde ich gleich nach dem Frühstück loslegen“, schmunzelt die 19-Jährige.
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