Die Paderborner Sprinterin Inna Weit und ihr Trainer sorgen sich um die Akzeptanz der olympischen Kernsportart
Von Oliver K r e t h

Fester Bestandteil des Sprinttrainings: 200-Meter-Meisterin Inna Weit im Kraftraum des Ahorn-Sportparks in Paderborn. (Foto: Besim Mazhiqi)
P a d e r b o r n (WB). Warum die Sportart Leichtathletik heißt, wird, wenn man beim Training zuschaut, nicht ganz klar. Denn die Arbeit mit schweren Lasten ist ein fester Bestandteil der legalen Leistungssteigerung. Vor allem im Sprint. Das kann manchmal allerdings zu Problemen bei der zivilen Einkleidung führen. »Beim Kauf einer Jeans habe ich keine Probleme«, sagt Inna Weit (25) und lacht, »schließlich gibt es doch Stretch.« Schwierigkeiten hat sie eher beim Erwerb von Kleidern. »Mein Kreuz ist doch recht breit und meine Taille schmal.« Seit vergangener Woche ist die Sprinterin des LC Paderborn im Trainingslager in Florida. Mit den Kolleginnen rund um Freundin Tatjana Pinto wollen sich Deutschlands schnellste Frauen fit machen für die Staffel-WM am 24. Mai in Nassau (Bahamas). Beim ersten Wettkampf lief Weit »aus dem vollen Training« die 100 Meter in 11,39 Sekunden, die doppelte Distanz in 23,34. Seit vorigem Jahr kann sich die Paderbornerin noch besser auf ihren Sport konzentrieren. Acht Stunden pro Woche arbeitet sie weiter in ihrem erlernten Beruf als Physiotherapeutin, dazu ist sie seit September letzten Jahres Sportsoldatin, stationiert in Warendorf. »Die sechswöchige Grundausbildung habe ich schon hinter mir.« Damit ist die finanzielle Basis für ein Spitzensportlerleben gesichert– und auch die notwendige Zeit für eine ausreichende Regeneration. Weit: »Damit kann ich optimaler trainieren.« In den Einheiten setzt Coach Thomas Prange (1996 deutscher Juniorenmeister über 100 Meter) verstärkt auf Qualität statt Quantität. »Das Training soll produktiv sein. Einheiten wie vor Jahren, als schonmal acht mal 300 Meter gelaufen wurden, das gibt es bei uns nicht. Länger als 200 Meter sprintet Inna nicht. Dann gibt es aber lange Pausen zwischen den Läufen«, erläutert der 40-Jährige. Wie lange Weit noch Staffel laufen – mit den deutschen Frauen wurde sie bei der WM 2013 mit nur drei Hundertstel Sekunden Rückstand auf Bronze Vierte – und über ihre Spezialdisziplin 200 Meter (Bestzeit 23,08 Sekunden) Wettkämpfe bestreiten wird, darüber hat sie sich noch keine tiefen Gedanken gemacht. »Erstmal plane ich bis Olympia 2016 in Rio. Aber ich kann mir vorstellen, danach ein paar Jahre dranzuhängen. « Ihr Trainer sieht noch Entwicklungspotenzial. »Ich habe eine Zeit im Kopf, aber ich will Inna nicht unter Druck setzen. Nur so viel: Bei idealen Bedingungen kann sie relativ deutlich unter 23 Sekunden laufen. «Das wäre dann immer noch eine Sekunde langsamer als der bestehende deutsche Rekord. Den halten Heike Drechsler und Marita Koch (21,71 Sekunden). Für Weit und Prange ein Ärgernis. Auch weil es die Vermittlung der erbrachten Leistungen der aktuellen deutschen Leichtathleten erschwert. Weit: »Das sind Zeiten aus der DDR-Ära – und daran werden wir gemessen.« Deshalb plädiert sie auch für eine Annullierung der Rekordlisten. Ebenso ihr Trainer.» Dann würden die legalen Leistungen entsprechend gewürdigt. Wie zum Beispiel der Europameistertitel von Verena Sailer.« Sauer ist Inna Weit auch auf einige Reporter: »Da werden unsere Leistungen immer in Relation gesetzt und damit schlecht geredet.« Aber das erfolgreiche Trainer-Athletin-Gespann (Weit: »Wir haben ein geschwisterliches Verhältnis«) sieht noch weitere Entwicklungschancen für die in Deutschland kränkelnde olympische Kernsportart. Prange: »Es ist schwierig, sich in der sportlichen Monokultur Fußball zu behaupten. Das sieht man doch am Meetingsterben.« Events wie »Berlin fliegt« am Brandenburger Tor oder die Auslagerung des Kugelstoßens bei den Deutschen Meisterschaften in Ulm (26./27. Juli) seien ein erfolgversprechender Weg. Aber auch ein weiterer Aspekt der Außendarstellung beschäftigt Inna Weit: »In der Leichtathletik gibt es hübsche Sportlerinnen, attraktive Menschen. Damit müsste man doch werben können.« Den »Markwert« steigern würde sicher eine Medaille bei den anstehenden Staffel-Weltmeisterschaften. Bronze, Silber oder gar Gold würden sicher auch zu einem noch zu findenden Abendkleid passen.
Quelle: Westfalen-Blatt Nr. 110 Dienstag, 13. Mai 2014




