Freitag, 19. April 2019

Joshuas Wintermärchen

BOBSPORT: 19-jähriger Anschieber vom LC Paderborn genießt sein Olympia-Debüt in Sotschi

VON FRANK BEINEKE

Paderborn. „Historisches Debakel“, „Totalschaden, „peinliche Pleite – die Schlagzeilen waren wenig zimperlich, wenn es darum ging, das Abschneiden der deutschen Bobpiloten bei den Olympischen Spielen in Sotschi zu beurteilen. Erstmals seit 50 Jahren waren deutsche Kufencracks bei Olympia ohne Medaille geblieben. Joshua Bluhm wird die Spiele in Sotschi dennoch in guter Erinnerung behalten. Denn der 19-jährige Anschieber vom LC Paderborn feierte sein ganz persönliches Wintermärchen. „Olympia war eine tolle und einzigartige Erfahrung“, schwärmt Bluhm, für den die Spiele in Sotschi noch im Dezember ganz weit weg gewesen waren. Erst bei einem Leistungstest am Jahresende rutschte der in Nortorf (Kreis Rendsburg-Eckernförde) aufgewachsene 19-Jährige ins Viererbob-Team von Thomas Florschütz. Bluhm bestritt anschließend ganze vier Weltcup-Rennen und ergatterte ein Last-Minute-Ticket nach Sotschi.

Dort wurde es jedoch nichts mit der erhofften Medaille. Florschütz landete mit gut neun Zehnteln Rückstand auf den russischen Olympiasieger Alexander Subkov nur auf Rang sieben und reihte sich damit ein in die enttäuschenden Platzierungen deutscher Bobpiloten. An Joshua Bluhm und seinen Anschieber-Kollegen Kevin Kuske und Christian Poser lag’s aber sicherlich nicht, denn die Startzeiten konnten sich sehen lassen. „Wir waren am Start dabei. Die Jungs haben hervorragende Arbeit geleistet“, dankte Thomas Florschütz seiner Crew. Von Bob-Bundestrainer Christoph Langen gab es sogar ein Sonderlob für Joshua Bluhm: „Das ist für uns wie ein Sechser im Lotto, dass so ein Mann wie Joshua zu uns kommt und sofort überzeugen kann.“
Sätze, die der Newcomer gerne hört. „So ein Lob ist auch ein Trost für unser bescheidenes Abschneiden“, sagt Bluhm. Dessen Enttäuschung hält sich aber ohnehin in Grenzen. „Eigentlich bin ich nicht traurig, denn wir haben alles gegeben. Aber die anderen waren einfach besser“, nimmt es der Linguistik-Student der Universität Paderborn sportlich.

Nun aber will Bluhm erst einmal entspannen. Denn seit dem Beginn des olympischen Viererbob-Wettbewerbes erlebte der 19-Jährige puren Stress. Zeit, um die vielen Eindrücke zu verarbeiten, blieb nicht. So ging es für ihn nur knapp zwei Stunden nach dem Wettkampf zur Olympia-Abschlussfeier. „Ich bin direkt von der Bahn in den letzten Shuttle-Bus gehüpft“, berichtet Bluhm. Der Aufwand sollte sich lohnen. „Die Eröffnungsfeier habe ich noch vor dem Fernseher erlebt. Ich fand es eher zäh und langweilig. Aber wenn du selbst mittendrin bist, ist es ein unfassbares Erlebnis“, erklärt der 1,87 Meter große Modellathlet, der auch bei der Rückkehr nach Deutschland nicht aus dem Staunen herauskam. Denn am Flughafen München wurden Bluhm und das deutsche Olympia-Team am Montag von unzähligen Kamerateams und zahlreichen Fans empfangen. „Und der Bundespräsident stand unten an der Gangway und hat jedem von uns die Hand geschüttelt“, berichtet der 19-Jährige von seiner Begegnung mit Joachim Gauck. Es folgten Pressekonferenzen, diverse Interviews und Autogrammstunden, ehe Bluhm endlich ein wenig zur Ruhe kommen konnte. „In den letzten beiden Tagen habe ich erst einmal nach Lust und Laune gegessen. Und wahrscheinlich schiebe ich jetzt noch einen Heimaturlaub in Nortorf nach“, freut sich der Bob-Anschieber aufs Wiedersehen mit Mutter Kirsten. Allerdings dürfte der Rummel in dem bei Neumünster gelegenen 6.000-Einwohner-Städtchen ebenfalls groß sein. Denn Joshua Bluhm ist im hohen Norden als erster Winter-Olympionike der schleswig-holsteinischen Sportgeschichte eine echte Berühmtheit geworden. Bei den Viererbob-Läufen gab es in Nortorf sogar Public-Viewing-Veranstaltungen.
Und möglicherweise können die Nortorfer in vier Jahren wieder mit „ihrem“ Joshua mitfiebern. Dann wird im südkoreanischen Pyeongchang um olympische Medaillen gekämpft. „Und ich hoffe doch sehr, dass Sotschi nicht meine letzten Spiele waren“, sagt Bluhm. Wie es in den nächsten Wochen und Monaten weitergeht, ist noch unklar. Entsprechende Planungen mit seinem Trainer Thomas Prange vom LC Paderborn stehen noch aus.
„Vielleicht werde ich aber im Sommer den ein oder anderen Leichtathletik-Wettkampf mitnehmen“, sagt Bluhm. Im nächsten Winter will der Bob-Shootingstar dann wieder im Weltcup mitmischen. Die Chancen stehen gut. „Erst am Dienstagabend hat ein Pilot bei mir angerufen, ob ich nicht bei ihm fahren möchte“, sagt Bluhm, ohne den Namen verraten zu wollen. Olympia in Sotschi war offensichtlich eine prima Bewerbung – und für Joshua Bluhm alles andere als ein „historisches Debakel“.